„Nein“

Wie das Nein bedeutungslos wurde

Was heißt Nein? Ich fahre mit meinem Hund Inliner. Es ist so schönes Wetter und ich fahre eine Straße immer wieder auf und ab. Als ich mich gerade entschied den Heimweg anzutreten, sah ich einen Mann auf einem Fahrrad hinter mir. Ich erkannte sein Gesicht nicht und irgendwie hatte ich ein Gefühl, welches ich bis jetzt nicht beschreiben kann. Gerade bog ich in die Straße ein, die direkt zu mir nach Hause führte. Ich hörte den Mann etwas sagen und drehte mich zu ihm. Vielleicht wollte er ja nur nach dem Weg fragen. Er blieb vor mir mit dem Fahrrad stehen und versperrte mir den Weg. Ich dachte mir nichts dabei.

Er fragte mich, ob ich ihm meine Nummer geben kann. Ich teilte ihm mit, dass ich ihm meine Nummer nicht geben wollte und fuhr weiter. Er folgte direkt und wiederholte erneut, dass er meine Nummer möchte. Unbeeindruckt setzte ich meine Fahrt fort. Verfolgt.

Verfolgung

Warum ließ er nicht ab? Ich meinte, dass ich sie ihm nicht geben möchte. Ungefähr ein Kilometer weiter musste mein Hund mal und ich kam wacklig zum Stehen. Er war immer noch da und stellte sich erneut vor mich hin. Ich bemerkte ein Auto mit einem Mann und einem heruntergelassenen Fenster. Etwas lauter teilte ich meinem Gegenüber mit, dass er mich in Ruhe lassen sollte. Weder er noch der Mann im Auto reagierte. Als ich langsam meinem Haus näherkam, packte mich die Angst. Wo sollte ich hin? Er folgte mir jetzt schon seit ein paar Kilometern. Er fuhr konstant neben mir her. Ich wollte um keinen Preis, dass er weiß, wo ich wohne. Was hätte er dann gemacht? Sich vor mein Fenster gestellt?

Ich rief einen Freund an, der schnell mit dem Fahrrad kam. Erst als dieser behauptete, wir seien verheiratet, ließ der Verfolger ab.

Unsichtbar

Wieso hatte der Mann im Auto nicht reagiert? Hatte ich zu leise geredet? Habe ich nicht deutlich genug gezeigt, dass mir die Situation unangenehm ist? Hätte ich schreien sollen? Aber warum mein Verfolger hatte doch eigentlich noch nichts Schlimmes getan. Warum nahm der Fremde meine ablehnende Haltung nicht wahr? Warum verstand er mein Nein nicht? Ließ nicht ab, als ich schneller fuhr? Warum zählen solche Äußerungen nicht? Warum müsste ich erst ein Pfefferspray rausholen oder die Polizei rufen, bis man glaubt, mein Nein sei ernst gemeint? Man fühlt sich so machtlos, so alleine gelassen, so reduziert. Der Mann hatte gar nicht bemerkt, dass ich mich unwohl gefühlt habe, er hat mein Nein, mein Tschüss, meine genervte Art, nicht wahrgenommen. Es war mitten am Tag, zwischen Leuten. 

Wie sollen wir uns fühlen, wenn unser Nein nicht zählt, unser Geh weg ignoriert wird.  

Ist es einfach so, dass man als Frau lernen muss mit solchen Situationen zu leben? Das Nein wird bedeutungslos und nur ein Mann kann einen beschützen?

Ich habe mit einigen Freunden gesprochen, denen so etwas schon einmal passiert ist und jede hatte den Gedanken, ob sie etwas falsch gemacht hätte oder falsche Signale gesendet hätte. Auch ich überlegte, ob ich nicht vehementer meine Meinung vertreten hätten sollen. Wird man jedoch gegen seinen Willen verfolgt, dann ist das nicht deine Schuld.

Sobald wir uns belästigt fühlen, ist das der Moment, in dem es gerechtfertigt ist, sich zu wehren und Hilfe zu suchen. Der Moment, in dem JEDES Nein Bedeutung hat. 

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